Mailänder Dom
Jenseits der Ikone
Eine abstrakte Studie der oberen Welten des Mailänder Doms. Statuen, Fialen und Marmorformen, losgelöst von ihrer Postkartenidentität.
In diesem Projekt geht es um den Mailänder Dom, eine der bekanntesten Kathedralen Europas, und darum, was passiert, wenn wir uns von seinem gewohnten, ikonischen Gesamtbild entfernen (oder uns ihm vielleicht gerade annähern) und anfangen, die kleinen Details zu entdecken. Anstatt die aus Postkarten und Reiseführern bekannte Westfassade, das Innere oder den belebten Platz vor dem Dom zu fotografieren, richtete ich meine Aufmerksamkeit auf die kleinen Details des Daches.
Ich fotografierte Statuen, gotische Fialen, kleine Zierelemente, behauene Steine und verschiedene kleine Teile der Architektur, die wir normalerweise nur als Teil des Ganzen wahrnehmen, die wir für sich allein aber nicht erkennen würden.
Ich wollte den Dom ein wenig weniger erkennbar machen. Da wir bereits wissen, wie er aussieht, interessierte mich, was passiert, wenn wir seine einzelnen Elemente aus ihrem gewohnten Umfeld herauslösen. Wenn wir diese Details für sich allein betrachten, wird die Kathedrale zu etwas anderem. Sie wirkt eher wie eine Landschaft aus Stein, Formen, Schatten und Linien.
Hintergrund des Projekts
Dieser Abschnitt bietet etwas Kontext zum besseren Verständnis der Bilder und der Ideen hinter dem Projekt. Er erklärt, wie die Arbeiten entstanden sind, was sie untersuchen und was beim genauen Hinsehen auffallen könnte.
Projektphilosophie
Der Ansatz und die Ideen, die dieses Projekt leiten, werden im Folgenden erläutert.
Das Vertraute dekonstruieren
Wenn ein Objekt ikonisch wird, läuft es Gefahr, unsichtbar zu werden. Wir erkennen es sofort und hören auf, es wirklich zu sehen.
Dieses Projekt versucht, diese Wiedererkennung rückgängig zu machen.
Indem ich Fragmente der oberen Struktur der Kathedrale isoliere, lade ich die Betrachterinnen und Betrachter ein, das Gebäude ohne den Trost seiner vollständigen Silhouette zu erfahren. Das Ziel ist keine Dokumentation, sondern Neuentdeckung.
Architektur als Skulptur
Auf dem Dach löst sich Architektur in skulpturale Formen auf.
Statuen treten als eigenständige Präsenzen hervor. Fialen werden zu vertikalen Gesten. Dekorative Elemente überlappen sich, kreuzen sich und fragmentieren zu abstrakten Kompositionen.
Die Kathedrale ist kein Gebäude mehr – sie wird zu einer Sammlung von Spannungen zwischen Licht und Schatten, Masse und Leere.
Der Raum darüber
Das Dach ist eine Schwelle zwischen Erde und Himmel.
Hier verblasst die Stadt im Hintergrund. Was bleibt, ist Stein gegen Licht, Detail gegen Leere. Der Negativraum wird ebenso wichtig wie der Marmor selbst.
Idee und Inspiration
In den frühen Jahrzehnten der Fotografie diente das Medium oft dazu, Gebäude vor dem Abriss oder der Restaurierung zu dokumentieren. Fotografinnen und Fotografen wie Édouard Baldus und Charles Marville schufen im Frankreich des 19. Jahrhunderts während Zeiten des Umbruchs sorgfältige Architekturstudien. Ihre Arbeiten behandelten Gebäude nicht bloss als Kulisse, sondern als historische und strukturelle Motive, die genaue Aufmerksamkeit verdienen.
Obwohl dieses Projekt nicht im selben Sinne dokumentarisch ist, ist es von dieser frühen fotografischen Absicht beeinflusst: Architektur mit Geduld und Respekt zu betrachten und Details zu bewahren, die sonst vielleicht unbemerkt blieben.
Aufgenommen am
26. Dezember 2025
Dach des Mailänder Doms
Mailand, Italien
Persönliche Sicht
Ich lebe seit fast zehn Jahren in der Schweiz, nur etwa drei Autostunden von Mailand entfernt. Dennoch hatte ich die Stadt nie besucht.
Durch die Nähe liess sich ein Besuch scheinbar endlos aufschieben, als ob sie immer zugänglich bleiben würde.
Im Dezember 2025 beschloss ich schliesslich hinzufahren.
Mailand gehört meiner Ansicht nach nicht zu den visuell auffälligsten europäischen Städten. Aber seine Atmosphäre trägt eine gewisse Intensität in sich, einen italienischen Rhythmus, der sich sowohl geschäftig als auch theatralisch anfühlt. Die Kathedrale steht im Zentrum dieser Energie.
Der Dom ist unbestreitbar beeindruckend. Riesig, detailreich und sowohl innen als auch aussen visuell überwältigend.
Aber ich fragte mich: Wie sieht er aus, wenn man ihn nicht länger als Ikone betrachtet?
Der Aufstieg auf das Dach veränderte das Erlebnis völlig. Die Kathedrale hörte auf, ein Symbol zu sein, und wurde zu einem Terrain. Dort oben, zwischen Statuen und Fialen, fühlte sie sich weniger wie ein zu bewunderndes Monument an und mehr wie eine Struktur, die es zu erkunden gilt.
Manchmal muss man sich über etwas Berühmtes erheben und zulassen, dass es auseinanderfällt, um es wirklich zu sehen.
Arbeitsweise und Technik
01 Ausrüstung
Aufgenommen mit der Sony A7IV und dem Zoomobjektiv Sony FE 20-70mm F4 G.
02 Schwarz-Weiss
Die Monochrombearbeitung entfernt die Ablenkung durch Farbe und betont:
- Die Oberflächenstruktur des Marmors
- Verwitterte Kanten und Erosion
- Geschnitzte Details
- Die strukturelle Geometrie
- Den Kontrast von Licht und Schatten
Das Fehlen von Farbe lässt die Materialität der Kathedrale gegenüber ihrer touristischen Identität in den Vordergrund treten.
03 Knapper Bildausschnitt
Die meisten Bilder sind eng beschnitten (oft um 60–70 mm).
Diese Kompression isoliert skulpturale Elemente und entfernt den Umgebungskontext.
Das Ergebnis ist Fragmentierung statt Monumentalität.
04 Negativraum
Der Himmel wirkt als Feld der Stille.
Figuren und Fialen heben sich von der Leere ab, was Vertikalität und Spannung verstärkt.
05 Überlappende Formen und Dekonstruktion
Architektonische Elemente überschneiden und schichten sich übereinander.
Die Kathedrale erscheint nahezu dekonstruiert – weniger wie ein einzelnes Bauwerk als vielmehr wie eine Ansammlung von Gesten.
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